Dünnes Eis

Ein Marktbericht von Arndt Kümpel

Man geht auf einem gefrorenen See Richtung Seemitte und es knackt immer lauter. Es wäre wohl nicht gerade ein Grund schneller zu laufen. Und erst recht nicht, wenn neben einem bereits andere im Eis einbrechen, was zeigt, wie dünn die Eisdecke ist. Wenn man die Dicke des Eises als Tragfähigkeit der Schulden ansieht, dürfte diese wohl kaum besser werden, wenn man die Last erhöht. Und erst recht nicht, wenn es wärmer wird und das Eis gleichzeitig schmilzt.

 

In einer ähnlichen Lage befinden wir uns heute an den Kreditmärkten. Die Lage ist das eine, das davon gezeichnete Bild das andere. Denn de facto hat der Krisenmodus bei den Banken seit der Finanzkrise von 2008 nie aufgehört. Sonst hätte man die Zinsen nie so lange so niedrig halten müssen. Hätte man nicht Bankenstresstests wiederholt, die kaum noch jemand ernst nimmt, der die Bilanzierung der Bank genauer anschaut. Wenn man die Aktienkurse der Banken als Barometer für die Risikobewertung des Eigenkapitals nutzt wird schnell klar, wer das schwächste Glied des monetären Transmissionsmechanismus ist.

 

Solange die kurzen Zinsen gesenkt waren und längere Laufzeiten noch eine betriebswirtschaftlich sinnvolle Fristentransformation erlaubten, wurde dies genutzt, um die bis dahin aufgelaufenen faulen Kredite ertragsseitig abzufedern. Aber zum einen drückte die Jagd nach höheren ordentlichen Erträgen den Zins immer tiefer, weil jeder, vom Privatanleger bis zur Pensionskasse, ,,auf derselben Wiese mähte‘‘. Und den rosa Filter in der Risikowahrnehmung der Marktteilnehmer stellten die Notenbanken dar, die durch ihre Anleihekäufe eine falsche Risikoneigung schufen, denn durch die Käufe der Notenbanken spiegelt der Marktzins nun das Ausfallrisiko des Schuldners nicht mehr richtig wieder. Ein klassischer Fall einer Rationalitätenfalle des durch EZB- und FED-Put vergemeinschafteten individuellen Kreditrisikos. Kurz, das Eis ist viel dünner als gedacht.

 

Durch den niedrigen Zins stieg zudem die Fähigkeit zum Schuldendienst. Daraus wurde eine noch höhere Verschuldung, oftmals mit langen Laufzeiten. Je länger jedoch der Kredit, je größer muss die Sicherheit sein, diesen über einen deutlich längeren Zeitraum auch zurückzahlen zu können. War es aber nicht, sondern es war die Aufweichung der Bedingungen bei der Kreditvergabe der Banken. Kurz, es ist nicht nur das Eis viel dünner, sondern auch die Last darauf viel größer. Und die Risiken im Bankensystem sind verschleiert durch die Stabilitätsillusion angenommener langfristiger Schuldentragfähigkeit.

 

Und als wenn das nicht schon genug Stress wäre, kommt der eigentliche wohl erst noch. Und das vielleicht schneller, als man denkt. Denn die Eurozone wandelt sich mit großen Schritten zu einem Umverteilungsmechanismus, der das Haftungsprinzip aushebelt. Die Banken, ihrer früheren Ertragsquellen beraubt und unter dem Anpassungsdruck der oftmals verschlafenen Digitalisierung, sind zum Komapatienten der Geldpolitik geworden und überfordern deren gesetzliche Grundlage. Normativ aufgeweichte Institutionen sind aber eine Sollbruchstelle institutionellen Vertrauens und damit des Rechtsstaats. Das ist eine wesentliche Dimension der Verantwortung und ein langer Schatten heutiger ,,Rettungspolitik‘‘.

 

Nun kann man auf ein Happy End hoffen oder erwarten, dass die buchungstechnische Vernichtung fauler Kredite, also schlechten Geldes, deflationär oder inflationär abgewickelt werden kann, ohne dass eine grundlegende monetäre Neubewertung von Vermögenswerten nötig ist. Wer nicht nur hoffen will und auch der Rettungspolitik keinen Vertrauensvorschuss geben will, für den ist es zumindest vorübergehend eine Option, nicht auf dem Eis zu laufen. Denn dann ist auch dessen Dicke ohne Bedeutung.

 

09.01.2019 - Arndt Kümpel - a.kuempel@emh-group.de

 

 

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