Gold, ein barbarisches Relikt ?

Ein Marktbericht von Arndt Kümpel

Sie kennen das Sprachbild bestimmt. John Maynard Keynes machte es im Dezember 1923 in seiner Schrift ,,A Tract on Monetary Reform‘‘ berühmt, in der er gegen den Goldstandard argumentierte. Er betont, dass die Priorität der Geldpolitik auf der Stabilität der Geschäftsentwicklung, der Preiseniveau-Stabilität und der Beschäftigung liegen müsse. Gold dürfe dabei nicht mit seinem Limitierungszwang im Wege stehen und bei Krisensituationen die Kreditschöpfung behindern. Damit ebnete Keynes der Abkehr von der Goldwährung den Weg mit dem Ziel, den seiner Ansicht nach desaströsen Einfluss des Kreditzyklus auf die Stabilität der Preise und der Beschäftigung zu verringern. Soziale und ökonomische Stabilität müssten Vorrang haben. Dazu solle der Staat in Krisenzeiten die Wirtschaft auf Kredit ankurbeln und die Schulden in Wachstumsphasen wieder zurückzahlen. Kurz, der Geschäftszyklus, der heute im Wesentlichen ein Kreditzyklus ist, solle geglättet werden. Ein Konjunktur-Airbag sozusagen.

 

Nun sind seither rund 100 Jahre vergangen, und Back-Testing ist nicht nur im Portfolio-Management erlaubt und geboten. Die Goldbindung ist lange verschwunden, und auch das noch mit Keynes eingeführte Bretton-Woods-System des Gold-Devisen-Standards mit dem US-Dollar als Ankerwährung ist 1973 gescheitert. Ein Blick auf die reale Wirtschafts- und Geldpolitik zeigt, dass Keynes theoretisches Fundament ungeahnte Blüten getrieben hat. Die USA haben es im aktuellen, wohl längsten Aufschwung ihrer Geschichte geschafft, das Jahr 2018 mit einem Budgetdefizit von ca. 1 Billion US-Dollar zu beenden. Damit ist es das größte Defizit, was in den USA in Friedenszeiten je gemacht wurde. Und das bei den extrem niedrigen Zinsen. Dies veranlasste die Ratingagentur Fitch zur Drohung, man werde als Zweite eine Senkung der Kreditwürdigkeit der USA nach Standard & Poor’s in Erwägung ziehen, auch wenn die USA die Währung haben, in der aktuell noch rund 60 % der weltweiten Devisenreserven gehalten werden, diese Reservewährung selber drucken und damit technisch nie Bankrott gehen können.

 

Government Shutdown und untragbare Staatsverschuldung im 5000-Jahres-Zinstief hin oder her: Könnte es sein, dass aus der Vogelperspektive dem Keynesianismus das fehlt, was Carl Friedrich von Weizsäcker einmal die Demut der Wahrnehmung nannte? Nachhaltigkeit und Ko-Evolution klingt zwar gut, ist aber bei der Anmaßung von Wissen Selbsttäuschung. Feedback-Loops bei irreversiblen Prozessen mit unbeabsichtigten negativen Konsequenzen lassen eher selektive Wahrnehmung vermuten. Die Rechtfertigungen durch Theorien finden ihre Grenze an der menschlichen Natur und damit an Naturgesetzen. Und, wenn man mit Immanuel Kant sprechen will, zudem am moralischen Gesetz in einem selbst.

 

Wie moralisch ist aber eine Wirtschafts- und Geldpolitik mit dem Ergebnis, mit Niedrigstzinsen Zombiefirmen am Leben zu halten und damit einer gigantischen Ressourcenverschwendung Vorschub zu leisten? Ist der Staat ein guter Unternehmer? Wie sozial gerecht sind Schulden, die das Verfrühstücken des erhofften zukünftigen Einkommens darstellen, ohne zu garantieren, dass es wirklich erzielt wird? Und warum soll ein impliziter Generationenvertrag von ungeborenen zukünftigen Schuldnern eingehalten werden, wenn er ein Vertrag zulasten Dritter und damit sittenwidrig ist? Collateral Damage würde Arnold Schwarzenegger vielleicht sagen. Von Ko-Evolution und Demut einstweilen keine Spur!

 

Was hat das nun aber alles mit Gold zu tun? Mehr als man annimmt. Denn Gold ist eine Möglichkeit, Freiheit zu sichern. Welche Freiheit? Ausgerechnet der von 1987 bis 2006 amtierende langjährige US-Notenbankchef Alan Greenspan erklärte dies 1966 in seinem berühmten Aufsatz ,,Gold and economic freedom‘‘: ,,Ohne Goldstandard gibt es keine Möglichkeit, Ersparnisse vor der Enteignung durch Inflation zu schützen. Dann gibt es kein sicheres Wertaufbewahrungsmittel.‘‘

 

Und auch wenn Warren Buffett, CEO von Berkshire Hathaway, offiziell nicht viel von Gold hält, so war seinem Vater Howard Buffett, dereinst Abgeordneter für den Staat Nebraska im US-Repräsentantenhaus, die Bedeutung von Gold klar, als er 1948 einen bemerkenswerten Artikel mit dem Titel ,,Human Freedom Rests On Gold Redeemable Money‘‘ veröffentlichte. Weitsichtig und unverklärt beginnt er darin mit dem Hinweis auf die ersten Amtshandlungen Lenins, Mussolinis und Hitlers, den Privatbesitz von Gold zu verbieten. Er erwähnt zudem Lenins Aussage, wonach man eine existierende soziale Ordnung in Richtung Kommunismus ändern kann, indem man Papiergeld druckt und verweist auf den darin sichtbar werdenden Zusammenhang von goldgedecktem Geld und individueller Freiheit.

 

Alan Greenspan hatte im Jahr 2017, inzwischen 92 Jahre alt, auf die Frage nach der Bedeutung von Gold eine rhetorische Antwort parat, die zum Weiterdenken einlädt. ,,Gold ist immer noch von großer Bedeutung. Ich frage mich, wenn es bloß ein Relikt der Geschichte sein soll, warum werden von den Zentralbanken der Welt sowie dem IWF und allen anderen Finanzinstitutionen dann Billionen Dollar in Gold gehalten. Wenn es wert- und bedeutungslos sein soll, warum hält es überhaupt noch jemand? “

 

Könnte es sein, dass der Goldhunger der Staaten mit dem Wissen einhergeht, dass man den selbstkreierten Geld- und Schuldenberg nicht mehr detonationsfrei verschwinden lassen kann und deshalb zum intertemporalen Vermögenstransfer Gold kauft? Begriffe wie ,,monetary reset‘‘, ,,debt jubilee‘‘ und ,,makroprudenzielle Politik‘‘ lassen erahnen, dass sich die Weltwirtschaft und ihr bislang dominierendes Geldsystem auf eine Zeitenwende zubewegen. Dass China die Umwandlung von Yuan-Erlösen aus Ölimporten in physisches Gold ermöglicht zeigt zudem, dass die Diskussion nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine strategische Komponente besitzt, die weit in eine Zukunft weist, in der der aktuelle Mainstream mit seinen kurzlebigen manipulativen Narrativen wohl keiner mehr sein wird. Denn für China, Indien und viele weitere Länder war Gold nie ein barbarisches Relikt, sondern Geld!

 

14.01.2019 - Arndt Kümpel - a.kuempel@emh-group.de

 

 

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