Risikobewusstsein

Ein Marktbericht von Arndt Kümpel

In der Diskussion um den Euro und seine jeweiligen, standpunktabhängigen Vor- und Nachteile kam ein Umstand bisher sehr selten ins Rampenlicht, und wenn, dann nur als Vorteil: Die Tatsache, dass Währungsschwankungen in einer individuellen oder staatlichen Abweichungsanalyse das Bewusstsein für die Folgen eben dieser Schwankungen verringern. Jedes Unternehmen, welches aus dem Euroraum exportiert oder importiert bzw. im Nicht-Euroraum produziert, steht vor der Frage, wie es mit den jeweiligen Währungsschwankungen umgeht.

 

Die Nachteile einer einheitlichen Währung fielen ja im Euroraum überwiegend bei anderen Ländern als Deutschland an. Vor allem jenen, deren Lohnkosten nicht wettbewerbsfähig waren und die durch eine interne Abwertung, sprich eine Lohnsenkung, ihre Wettbewerbsfähigkeit bewahren bzw. wiederherstellen müssten. Dies ging, wie in Spanien, Italien und vor allem Griechenland, mit einem enormen sozialen Anpassungsstress auf das soziale Kapital wie Familien einher und zerrüttete Erwerbsbiografien spätestens seit der Finanzkrise 2008 in ähnlicher Weise wie jene in Ostdeutschland während der deutschen Wiedervereinigung.

 

Man hätte einfach nur einen Blick auf die Theorie des optimalen Währungsraumes werfen sollen. Aber dafür war bei der von oben durchgedrückten monetären Vereinheitlichung ohne hinreichende Homogenität der Realwirtschaft keine Zeit, man hatte Größeres im Sinn. Ergebnis: Zwar eine Währung, aber auch eine weiterhin schwache gemeinsame Identität und eine viel zu geringe Mobilität der Arbeitskräfte, die durch die Bequemlichkeit vermiedener Devisenumtauschgebühren und bessere Vergleichbarkeit der Kosten kaum ausgeglichen wird. Und eben ein geringes Bewusstsein für die Schwankungen (Risiken), die bei unterschiedlichen Währungen durch eine Abwertung der nationalen Währung die preisliche Wettbewerbsfähigkeit inländischer Güter verbessern und so auch geringere Produktivität global handelbar machen.

 

Kurz: Der Euro ist nicht nur kein optimaler Währungsraum, sondern er schafft auch ökonomischen Druck an der sozial schwächsten Stelle der ,,wirtschaftlichen Nahrungskette‘‘. Wenn dann jedoch das Risikobewusstsein in den Institutionen nicht ausreicht, der Frosch auch hier, wie schon mehrfach angesprochen, langsam gekocht wird, sollte man sich über Nichts mehr wundern. Am Ende ist der Staat für die Bürger da und nicht für seine Selbsterhaltung. Untersuchungen zu fassadenhaften Institutionen, deren Ressourcen zuerst und vor allem in die Rechtfertigung ihrer Existenz gehen, kommen zu einem eindeutigen Ergebnis, was wesentlich zur Europamüdigkeit beiträgt. Dass sozialautistische Institutionen komplexe zeitkritische Probleme weder angemessen noch schnell genug bearbeiten, ist dann keine Überraschung mehr und verweist einmal mehr auf den tiefen Sinn dezentraler Steuerung relativ heterogener Systeme.

 

Es leuchtet intuitiv ein, dass ein Unternehmen oder eine kleinere Gebietskörperschaft Schwankungen bedeutend schneller und legitimer bearbeiten kann als komplexe Systeme. Man muss auch keine imperiale Überdehnung eines Weltreiches bemühen, um die Konstruktionsfehler zu erkennen, die dem Subsidiaritätsprinzip einen hohen Sinn und seinem Fehlen eine hohe soziale und institutionelle Sprengkraft verleihen. Es scheint beim Durchwursteln im Verteilungskampf der jeweiligen Budgets und Kompetenzen hinten vom Wagen gefallen zu sein. Man merkt es erst, wenn man es braucht, es dann dafür keinen Ersatz gibt und deshalb ein sozial und ökonomisch hoher Preis fällig ist.

 

Deutschland besitzt mit der Subsidiarität nicht nur ein Staatsorganisationsprinzip, es ist bei einem Blick ins Geschichtsbuch auch sehr wahrscheinlich eine Erhaltungsbedingung seiner Kultur. Kultur hat eine soziale Funktion sowie eine räumliche Dimension und ist in diesem Sinne selbstreferenziell. Jedoch machen es bestimmte Werte kompatibel mit ähnlichen Werten anderer sozialer Systeme. Diese Kompatibilität kann jedoch nicht von oben und erst recht nicht ohne eine hinreichende Homogenität entstehen.

 

Fazit: Der kurzfristige Gewinn einer juristischen und monetären Vereinheitlichung hat seinen Boden auf den Gräbern der Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Danach wurde er durch den Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems in Mittel- und Osteuropa erweitert. Wenn man nicht nur darauf hoffen will, dass diese Konstruktion nicht als Fehlkonstruktion in den Geschichtsbüchern endet, ist es höchste Zeit, die realen Risiken innerhalb des Systems zu verringern. Und zwar durch jene, die die institutionelle Macht dazu haben. Der Brexit hat in diesem Zusammenhang eine viel weitreichendere Bedeutung als die Änderung der Stimmverteilung im Ministerrat zulasten Deutschlands oder als Zölle. Er ist die Gelbe Karte für die institutionelle Legitimität der Europäischen Union, der der Abweisungsreflex eigener Verantwortung nicht nur bei den Austrittsverhandlungen mit dem Vereinigten Königreich anzusehen ist und der mehr als eine mentale Verhärtung darstellt.

 

Nachhaltige politische Stabilität ist ein Fließgleichgewicht weitsichtiger Politik und lässt sich nicht durch risikoaverse Ignoranz erreichen. Risikobewusstsein ist in diesem Sinne eine zentrale Führungskompetenz. Der öffentliche Diskurs über effektive Strukturpolitik lässt sich für eine hinreichende Akzeptanz ebenfalls nicht substituieren. Wem wirklich etwas an einem friedlichen Europa liegt, für den ist dessen Priorität klar. Wem diese systemischen Risiken zu groß sind, der ist frei genug, um in individuellen Alternativen zu dieser in ihrem Narrativ fixierten Einbahnstraße zu denken. Denn Risikobewusstsein ist zum Glück noch individuell wählbar.

 

13.02.2019 - Arndt Kümpel - a.kuempel@emh-group.de

 

 

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