Echokammer & anti-zyklisches Investieren

Ein Marktbericht von Arndt Kümpel

In Zeiten von Fakenews und Fake-Reality stellt umfassendes Informiertsein und ausgewogenes Entscheiden als Basis nachhaltigen Investierens eine große Herausforderung dar. Wer hält schon gerne falsche Nachrichten für wahr? Doch es gibt Echokammern, die genau dies bewirken können.

 

Die Filterbubble oder Echokammer entsteht zumeist durch die Wahl von Kontakten oder Informationsquellen und dem Einfluss, den diese Quellen auf unsere (Anlage-) Entscheidung erhalten. Die Gefahr der Echokammer liegt dabei in einer Kombination aus institutionalisierten Interessenkonflikten und Personalisierung von Informationen. Letztere entsteht, wenn etwa Internetseiten versuchen, algorithmisch vorauszusagen, welche Informationen der Nutzer auffinden möchte. Dabei beruht deren Prognose auf den verfügbaren Informationen über den Nutzer wie dessen Klickverhalten oder Suchhistorie. Daraus resultiert eine Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt des Benutzers entsprechen. Die Gefahr dabei ist nun, dass durch diesen Mechanismus eine alternative Realität geschaffen werden kann.

Heerscharen von Marketingspezialisten und Chief Communication Officers sind am Drift zur Blase nicht unbeteiligt. Denn Sie nutzen eben nur zu gerne möglichst wirksame Kommunikationsmethoden, um bei ihren Zielgruppen und Stakeholdern eine maximale Loyalität und Unterstützung zu generieren. Sounds familiar?

 

Bezogen auf die Kapitalmärkte öffnet diese Sicht den Blick auf die Risiken einer Mehrheitsmeinung (Herdenverhalten) und die Fragilität des Anlegersentiments. Denn das Durchbrechen der Echoblase würde eine Verhaltensänderung der Anleger bewirken und zu mehr oder weniger großen Turbulenzen führen, je nach Größe der Fehlerstärke der Mehrheitsmeinung.

Hedgefonds-Manager George Soros beschrieb die Vernetzung von Denken über die Märkte und den Märkten selbst bereits 1987 in seinem ersten Buch ,,Alchemie der Finanzen‘‘. Darin betont er zum einen die Fiktion der Idee des Marktgleichgewichts, welche man als eine selbstreferenzielle Echoblase der Theorie diskutieren könnte. Zum anderen aber weist er völlig zu Recht auf den unterschätzten Zusammenhang zwischen den realwirtschaftlichen Fakten und dem Denken der Anleger darüber hin und skizziert dabei die Grundlagen einer Theorie der Reflexivität. Denn das Denken über die Märkte ändert die Ausgangsbedingungen eben jener Märkte, was es unmöglich macht, gleiche Ausgangsbedingungen für die Erkenntnisgewinnung zu erreichen.

 

In Zeiten, in denen ein Anleger (Principals) es im Rahmen ,,passiven Investierens‘‘ durch weitreichend delegiertes Vertrauen zum Beispiel immer unbekannteren Dritten (Agents) überlässt, sein Geld anzulegen, schafft man allerdings auch immer mehr Komplexität und Anreize, durch zu geringe oder Fehlinformationen seine eigenen Interessen nicht mehr richtig umsetzen zu können – das klassische Agenturproblem der Institutionenökonomie. Und es ist noch völlig verfrüht zu bewerten, wie tauglich die Algorithmen unter Marktstress sind. Warum? Der eigentliche Stresstest für diese ,,künstliche Intelligenz‘‘ wurde noch gar nicht durchgeführt.

 

Die letzten 30 Jahre hatten am Kapitalmarkt den selbstproduzierten Rückenwind eines mit Krisenintervention gerechtfertigten Zinssenkungszyklus an ihrer Seite. Wie gut eine Anlagestrategie ist, zeigt sich aber nicht bei Rückenwind, sondern dann, wenn der Zins steigt, aus der Zukunft geholte Zahlungsversprechen wieder Geld kosten und die Märkte nach Platzen der Liquiditätsillusion auf sich selber zurückgeworfen werden. Man kann davon ausgehen, dass Handelsaktivitäten mittels Computeralgorithmen zu einer Fata Morgana geführt haben, welche eine Liquidität vorgaukelt, die es im Stresstest nicht geben wird! Von der Frage, ob das in die Agents und Marktinstitutionen gesetzte Vertrauen überhaupt gerechtfertigt ist, ganz zu schweigen.

 

Zudem: Wie gut nun diese outgesourcten und gefühlsbereinigten Programme auf menschengemachte Echoblasen reagieren, wirft sie auf das klassische Reagenzglas-Problem der Sozialwissenschaften zurück, welches Ulrich Beck so treffend mit folgenden Fragen beschrieb: Welcher Chemiker ist schon in seinem Reagenzglas tätig? Welcher Physiker Angestellter der Metalle, deren atomare Eigenschaften er untersucht? Und welcher Mediziner erhält die Röntgenbilder des Magens von der Niere finanziert?

 

Und wie sieht es diesbezüglich bei der Kapitalmarkttheorie und seiner wirtschaftspsychologischen Erweiterung Behavioral Finance aus? Sie ist jedenfalls nicht für eine freiwillige Konzentration auf das von Ulrich Beck thematisierte Folgeproblemwissen bekannt, in dessen Fokus der wissenschaftszentristische Bias steht. Lässt man aus dieser Konstellation die mediale Luft heraus, bleibt folgende Vermutung: Investieren ist dem Risiko einer sozialen Echoblase ausgesetzt, in der die Agenten den Principals durch Informationsfilter eine Stabilitäts- und Kontrollillusion in ihrem Eigeninteresse schaffen. Dies lässt sich wenigstens zum Teil auch auf die systemstabilisierende Funktion von Wirtschaftsmedien übertragen.

 

Fazit: raus aus der medialen Filterblase bzw. Echokammer! Will man diese Konstellation für seine eigene Anlagestrategie nutzen, so führt dies direkt zu folgenden Empfehlungen: Umfassender und quellenkritisch  informieren, weniger delegieren und mehr antizyklisch investieren. Verantwortung lässt sich nun mal nicht outsourcen, und scheinbares subjektives Wohlbefinden ist auch heute immer noch keine hinreichende Bedingung für objektives Problemlösen.

 

27.02.2019 - Arndt Kümpel - a.kuempel@emh-group.de

 

 

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